War opus reticulatum ein Sichtmauerwerk?

By dirkgruppe

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Herkulaneum (Ercolano). Lage unbekannt (straßenseitige Außenwand?). Opus reticulatum, das stellenweise durch dunklere Steine in Form eines “A” gelegt wurde. Darüber dicke Verputzschicht. Wegen der  dekorativen Gestaltung des opus reticulatum mit farblich Mustern würde man erwarten, daß die Mauer ursprünglich als Sichtmauerwerk konzipiert war.

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Herkulaneum (Ercolano), Casa dello Scheletro (Haus des Skeletts), Triclinum mit Nymphäum. (Cardo III, Nr. 3). Wandmalerei im 4. Stil. Mehrere dicke Verputzschichten.

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Neapel, Tomba di Virgilio im Parco di Virgilio. Traditionell wird die Anlage als Begräbnisstätte des römischen Dichters Vergil (gest. 19 v. Chr. in Brindisi) bezeichnet. Die Grabanlage aus der frühen Kaiserzeit ist als eine Art Columbarium gestaltet und beherbergt zehn Nischen zur Aufnahme von Graburnen.

Nischenarchitektur und untere Teile opus reticulatum, darüber opus cementitium. Über die zeitliche Stellung der Verputzreste ist nichts bekannt.

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Was sagt Vitruv über das opus reticulatum?

Vitruv behandelt die Arten des Mauerwerks im 8. Kapitel des 2. Buchs seiner “De architectura libri decem”. Nach Curt Fensterbusch lautet die Übersetzung der entsprechenden Stelle:

“Die Arten des Mauerwerks sind folgende: reticulatum (netzförmiges Mauerwerk), das jetzt [= 1. Jahrhundert v. Chr.] alle verwenden, und ein altertümliches , das opus incertum (unregelmäßiges Bruchsteinmauerwerk) genannt wird. Von diesen ist das netzförmige Mauerwerk das anmutigere [venustis est], aber es neigt deshalb dazu, Risse zu bilden, weil es seine Lager- und Stoßfugen nach allen Richtungen fortlaufend ohne Verband hat. Die unregelmäßigen Bruchsteine aber, die einer über dem anderen sitzen und unter sich im Verband stehen, geben kein gut aussehendes [non speciosam], aber festes Mauerwerk als das netzförmige.”

“Venustis est” bzw. “non speciosam” sind hier meiner Ansicht nach als ästhetische Begriffe aufgefaßt, also nicht etwa im Sinne von: “Bruchsteinmauerwerk – grob; Retikulatmauerwerk – feingliedrig/zierlich”.

Ähnlich ästhetisch interpretierte man die Textstelle im 18. Jahrhundert. August Rode, dessen kommentierte Vitruv-Übersetzung 1796 in Druck erschien und die wegen ihrer heute völlig antiquiert klingenden Sprache ein köstliches Lesevergnügen darstellt, schreibt dazu:

“Das Netzförmige ist das schönste; es ist aber sehr geneigt, Risse zu bekommen, weil es weder horizontale Lager – cubicula – noch gedeckte Fugen hat. Das Ungewisse hingegen gewährt zwar, da die Bruchsteine ohne Ordnung übereinander liegen und miteinander verbunden sind, keinen so schönen Anblick als das Netzförmige; aber es ist dafür umso dauerhafter.”

Vitruv überliefert uns also in beiden Fällen (opus reticulatum und opus incertum) nicht, ob diese Mauerwerkstypen verputzt oder steinsichtig waren. Erst im Zusammenhang mit Bauschäden bei dem von ihm so negativ bewerteten opus craticium nennt er verputzes Mauerwerk. Im Gegensatz etwa zu unseren mittelalterlichen Fachwerkbauten war antikes Fachwerk vollflächig verputzt:

“Auch macht das unter Verputz liegende Fachwerk durch die senkrechten und querliegenden Balken am Verputz Risse. [Vitruv II, 8  Finsterbusch]“

Vitruv trägt somit wenig zur Klärung des Problems “War opus reticulatum ein Sichtmauerwerk” bei.

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