Opus reticulatum - Beispiele II

15. Mai 2008 by dirkgruppe

Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob opus reticulatum in der Antike steinsichtig oder immer verputzt war, führt zu recht seltsamen und unerwarteten Ergebnissen. Zum Beispiel gibt es aus Herkulaneum eine oft fotografierte Häuserzeile, von der es aus den 1960er-Jahren folgende Ansicht gibt:

Herkulaneum

Das Bild zeigt im Hintergrund den Arkadengang der Casa a Gratticio. Daran schließt die weiß verputze Fassade der Casa del tramezzo di legno an. Ganz rechts, leider im Bild nur als schmaler Wandstreifen abgebildet, folgt auf die Gebäudeecke der Casa del tramezzo di legno eine gelbliche Fassadenwand mit einer bemerkenswerten Oberflächengestaltung:

Herkulaneum, opus reticulatum und darüber Verputz in Form des opus incertum (?)

Das Mauerwerk scheint aus opus reticulatum zu bestehen. Das wird zumindest im unteren Teil und im oberen Fassadendrittel (vgl. Gesamtbild oben) sichtbar. Darüber liegt ein gelblicher Verputz mit weißen Fugen, der wie die Putzimitation eines opus incertum aussieht.

Leider wurden die Fassaden der drei Gebäude in neuerer Zeit restauriert. Die Fassade aus opus reticulatum bzw. “opus incertum” wird bei den meisten neueren Fotografien nicht mit aufgenommen. Eine genauere Analyse kann daher hier nicht erfolgen. Ob die Fassade heute noch in dieser Form sichtbar ist oder neu verputzt (restauriert) wurde, bleibt offen. Wenn es keine optische Täuschung durch die alte Fotografie ist, dann hätten wir hier den interessanten Fall einer Fassade, die in opus reticulatum errichtet wurde und anschießend (?) imitierend in Art eines regellosen Bruchsteinmauerwerks (opus incertum) verputzt wurde.